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#1

Buchvorstellung: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

in Bücherregal 23.08.2020 10:58
von Josy Burns • Federlibelle | 185 Beiträge | 1049 Punkte

Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße

Zum Autor:

Neil Gaiman ist ein britischer Autor zahlreicher Science Fiction- und Fantasygeschichten, von Comics und Drehbüchern. Er schreibt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Comicfans kennen ihn durch seine Sandmann-Reihe. Serienjunkies dürften in der letzten Zeit nicht an der Verfilmung von Good Omens, das er seinerzeit gemeinsam mit Terry Prattchet geschrieben hat, und American Gods vorbeigekommen sein. Kinofans haben vielleicht den Sternwanderer gesehen, der 2006 mit Michelle Pfeiffer und Robert deNiro verfilmt wurde. Er ist mit zahlreichen Preisen ausgestattet worden, unter anderem mit der Newbery Medal und der Carnegie Medal für sein Kinderbuch „Das Graveyard-Buch“ und gleich mehrfach auch mit dem Eisner-Award, sowie mit Hugo und Nebula.

Genre:

„Der Ozean am Ende der Straße“ ist im Bereich Fantastik zu Hause. Ich würde ihn am ehesten als fantastischen Roman bezeichnen.

Handlung und Hauptfigur:


Der Klappentext gibt eine gute Einführung in die Geschichte:

„Anlässlich einer Beerdigung kehr ein Mann in seinen Heimatort zurück. Das Haus, in dem er aufwuchst, steht längst nicht mehr, doch es zieht ihn zu dem Bauernhof am Ende der Straße. Hier lebte früher Lettie Hempstock mit ihrer Mutter und Großmutter. Der Mann hat seit Jahren nicht mehr an die außergewöhnliche Lettie gedacht. Doch nun kehren die Erinnerung wieder zurück: an den Ententeich, der angeblich ein Ozean sein sollte. An eine Vergangenheit, die zu seltsam und zu gefährlich ist, als dass sie jemandem hätte widerfahren dürfen, schon gar nicht einem kleinen Jungen.“

Man folgt dem Mann in die Erinnerungen und erlebt die Geschichte aus der Perspektive des siebenjährigen Jungen, der dieser Mann einst war. Man erlebt, wie zunächst ein Untermieter auf seltsame Weise tot aufgefunden wird (am Ende der Straße, in seinem Auto, das vor Lettie Hempstocks Haus steht) und wie die schreckliche Ursula Monkton als böse Gouvernante in die Familie eindringt. Es ist eine Geschichte über Freundschaft und Vertrauen, über eine Welt, in der ein Junge mit monsterhaften Verhaltensweisen von Erwachsenen konfrontiert wird und in der der Junge mit Hilfe seiner besten Freundin Lettie Hempstock, versucht mit dieser seltsamen Erwachsenenwelt zurecht zu kommen, in der es um ganz menschliche Dinge wie Affären, Betrug und überforderte Eltern geht.

Leseprobe:

„Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Baurnhofs. Und er war nicht besonders groß.
Lettie Hempstock behauptete, er sein ein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch. Sie behauptete, sie wären von jenseits des Ozeans hierhergekommen, aus der Heimat.
Ihre Mutter sagte, Lettie könne sich nicht mehr richtig daran erinnern, schließlich sei es schon lange her, und außerdem wäre ihre Heimat untergegangen.
Die alte Mrs. Hempstock – Letties Großmutter – behauptete, sie hätten beide unrecht, und das Land, das untergegangen sei, wäre gar nicht ihre Heimat gewesen. Sie sagt, an ihre wirkliche Heimat könne sie sich noch erinnern.
Sie behauptete, ihre wirkliche Heimat wäre in die Luft geflogen.“

Eine offizielle Leseprobe des Verlags (Bastei Lübbe) gibt es hier:

Link zur Leseprobe

Meine persönliche Meinung:

Ich bin ein großer Fan von Neil Gaimans Geschichten. Sie sind auf zauberhafteweise immer Fantasik und nicht-Fantastik zugleich. Sie sind nie trivial, sondern haben ein echtes menschliches Problem im Kern (da ich euch gewiss noch das eine oder andere Mal eines seiner Bücher hier vorstellen werde, verkneife ich mir jetzt mal das spoilern). Ich mag es, wie er unsere scheinbar normale Welt mit Hilfe der Fantastik über das tatsächlich sichtbare hinaus ausdehnt und aufs Korn nimmt – immer auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Und was wäre, wenn ...? Mit einer guten Prise britischem Humor ausgestattet, der aber niemals zum Slapstick wird, sondern die Welt einfach mit einem ironischen Augenzwinkern betrachtet, mit großer sprachlicher Gewandtheit, die wunderschöne Bilder malt und dabei immer klar und konkret bleibt, erzählt er von den unglaublichsten Dingen, die in unserer Welt passieren könnten – und man glaubt ihm jedes Wort. Hier noch mehr als bei seinen anderen Werken, denn auch wenn der „Ozean“ wie alle seine fiktiven Werke im Bereich Fantastik angesiedelt ist, ist es doch eher ein Roman mit fantastischen Elementen, die dadurch entstehen, dass der siebenjährige Ich-Erzähler die Welt eben so wahrnimmt, wie ein siebenjähriger Junge sie wahrnimmt – es gibt eben immer mehrere Erklärungsmöglichkeiten für seltsame Dinge, die uns im täglichen Leben begegnen, und warum sollten die einen wahrer sein als die anderen?

Der „Ozean“ ist sein gewiss persönlichstes Buch. Er hat es für seine Frau geschrieben und auch wenn es gewiss kein autobiografisches Werk ist, ist es ein Werk, darüber, wie es ist, der siebenjährige Junge zu sein, der er selbst vielleicht einmal war. Was wäre wenn die hinterhältige Gouvernante tatsächlich ein Monster wäre? Was wäre, wenn die etwas ältere Spielgefährtin tatsächlich magische Kräfte hätte, die siebenjährige Jungs vor den fiesen Machenschaften solcher Erwachsenenmonster retten könnten?

Daniel Kehlmann hat über dieses Buch gesagt: „Ein poetisches Juwel, wie man es nicht oft zu lesen bekommt“. Das Zitat wird natürlich vom Verlag zu Werbezwecken benutzt, aber ich kann mich nur anschließen. Ich habe es mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen und dann nochmal von Vorne angefangen.


Für die nächste Buchvorstellung nominiere ich @Ida Sonnenschein


Es grüßt,

die Josy




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Hans Bemmann (1922-2003), Stein und Flöte
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zuletzt bearbeitet 23.08.2020 10:59 | nach oben springen

#2

RE: Buchvorstellung: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

in Bücherregal 23.08.2020 21:30
von Carlotta Lila • Federlibelle | 319 Beiträge | 1391 Punkte

Liebe @Josy Burns, vielen Dank für deine wunderbare Buchvorstellung! Die Leseprobe habe ich noch nicht ganz durch, die ist ja recht lange und ich brauche etwas Muße um sie richtig zu genießen!
Ich finde, du machst neben textlich tollen Buchpräsentationen auch immer so eine übersichtliche Gliederung! Eine Wohltat für das müde Gehirn am Abend ((-;
Liebe Grüße
Carlotta Lila


You see ya can`t please everyone
So ya got to please yourself (Ricky Nelson)
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#3

RE: Buchvorstellung: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

in Bücherregal 19.09.2020 17:50
von Josy Burns • Federlibelle | 185 Beiträge | 1049 Punkte

@Carlotta Lila ,

danke für die Lorbeeren bezüglich der Gliederung - aber eigentlich benutze ich nur Dein Schema, das Du mal in der Anleitung zur Buchvorstellung gegeben hast - das Kompliment gebührt also eher Dir

Liebe Grüße,

Josy




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Carlotta Lila hat sich bedankt!
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